Die Rheinpfalz am 27.11.2014

Interview: Natalie Sudermann

Selbstbestimmter Leben

Interview: Corina Zolle informiert in Bobenheim-Roxheim über persönliche Assistenz für Behinderte

Trotz Behinderung unabhängig sein und außerhalb von Einrichtungen leben – das ist das Prinzip der persönlichen Assistenz. Wie lässt sich das im Alltag umsetzen? Darum dreht sich die Veranstaltung „Inklusion – Fußabdrücke der individuellen Teilhabe“ am 29. November in Bobenheim-Roxheim. Wir sprachen vorab mit Referentin Corina Zolle. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des Forums selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen.

Das Interview im Wortlaut:

Frau Zolle, was versteht man unter persönlicher Assistenz?

Viele Menschen mit Körperbehinderung sind in ihrem Alltag auf Unterstützung angewiesen: Persönliche Assistenz – das sind je nach Unterstützung ausgebildete Krankenpfleger oder angelernte Assistenten – helfen ihnen im Haushalt, bei der Körperpflege, beim Einkauf, bei der Ausübung eines Berufs oder in ihrer Freizeit. Das ist sehr variabel: Manche benötigen nur ein bis zwei Stunden Unterstützung pro Woche, andere rund um die Uhr.

Warum ist sie so wichtig?

Die Alternative zur persönlichen Assistenz wäre zum einen die Unterstützung und Pflege nur durch die Familie, was mitunter auch für die Angehörigen aber auch belastend sein kann. Eine weitere Möglichkeit wäre die Unterbringung in einem Heim. Dort ist man allerdings viel stärker an die vorgegebene Tagesstruktur gebunden, zum Beispiel, was die Essenszeiten angeht. Mit persönlichen Assistenten kann man seinen Alltag freier gestalten, eine Ausbildung machen, einem Beruf nachgehen, verreisen, kurz gesagt: unabhängiger und selbstbestimmter leben. Da hat sich viel getan in den vergangenen Jahren.

Inwiefern?

Heute ist es einfacher für junge Menschen mit schweren Behinderungen, eine gute Ausbildung zu erhalten. Als ich 1986 mit dem Studium anfing, war ich wahrscheinlich eine der Ersten, die einen Antrag auf persönliche Assistenz stellte. Und meine Zivis mussten mich und meinen Rollstuhl immer die Treppen hoch- und runter tragen, weil nicht alle Gebäude und Hörsäle behindertengerecht waren. Heute sind die gesetzlichen Auflagen strenger, deshalb hat sich im Bereich Barrierefreiheit schon vieles verbessert.

Aber nicht alles?

Nein. Öffentliche Verkehrsmittel sind ein Beispiel. Nicht alle Fernbusse sind barrierefrei, bei Bahnhöfen und Zügen ist es genauso. Als Rollstuhlfahrer mit Bus und Bahn unterwegs zu sein, ist immer ein Abenteuer, da man nicht weiß, ob man in die Fahrzeuge kommt oder nicht, Da muss man oft aufs Auto zurückgreifen, auch wenn das nicht besonders umweltfreundlich ist.

Ihr Vortrag in Bobenheim-Roxheim befasst sich mit der Umsetzung von Inklusion im Alltag. Worum wird es genau gehen?

Inklusion ist ja heutzutage in aller Munde, meist in Bezug auf Kitas und Schulen. Mein Schwerpunkt liegt auf der persönlichen Assistenz, besonders auf dem Arbeitgebermodell. Man kann seine Assistenten über einen Pflegedienst buchen, aber auch selbst welche anstellen, als eigener Minibetrieb sozusagen. Erfahrungsgemäß haben Menschen mit Behinderung viele Fragen zu diesem Arbeitgebermodell.

Zum Beispiel?

Das sind sowohl praktische als auch rechtliche Fragen. Etwa: Wie finde ich geeignetes Personal? Wie ist es, immer Menschen um sich zu haben? Wie geht man mit seinen Angestellten um? Was mache ich, wenn es Probleme gibt? Wie erstelle ich Dienstpläne für meine Mitarbeiter? Wie berechne ich ihren Lohn? Wo kann ich finanzielle Unterstützung beantragen, etwa bei staatlichen Stellen oder Versicherungen? Wie melde ich diesen Betrieb an?