Die Rheinpfalz am 27.08.2012

„Es sind noch Baufehler von früher da“

Meinung am Montag: IBF-Vorsitzender Arno Taglieber zur Situation Behinderter in Ludwigshafen
Am 1. September feiert die Interessengemeinschaft Behinderter und ihrer Freunde (IBF) 40-jähriges Bestehen. Mit Arno Taglieber, 69, Vorsitzender und Gründungsmitglied, haben wir über die Situation behinderter Menschen in Ludwigshafen und IBF-Projekte gesprochen.

Das Interview im Wortlaut:

Herr Taglieber, erfüllt denn Ludwigshafen die Kriterien für eine barrierefreie Stadt?

Es gibt das Gleichstellungsgesetz des Landes Rheinland-Pfalz, das Vorgaben zur Vermeidung baulicher Hindernisse macht. Diesen kommt die Stadt nach, das muss man anerkennen. Doch es sind noch Baufehler und architektonische Barrieren von früher da.

Wo?

Die Tiefhaltestelle im Rathaus ist ein gutes Beispiel. Doch die wird jetzt barrierefrei erschlossen. Auch die Straßenbahnhaltestelle am Krankenhaus soll bei der Erneuerung der Linie 10 ja neu gestaltet werden.

Welche Impulse für eine behindertenfreundlichere Stadt hat die IBF geben können?

Alt-OB Wolfgang Schulte hat uns bestätigt, dass wir den Impuls für den Aufzug zur S-Bahn-Station Mitte gegeben haben. Ohne uns wäre er wohl nicht gebaut worden. Auch der barrierefreie Zugang zum Hack-Museum geht auf uns zurück. Unsere Erfahrung ist, dass unsere Anregungen aufgegriffen werden, aber es muss finanziell passen.

Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf für eine barrierefreie Stadt?

Am Hans-Warsch-Platz in Oggersheim. Momentan wird mit einer Rampe versucht, die Höhendifferenz auszugleichen. Es wäre uns lieber, wenn die Haltestelle angehoben werden könnte.

Die IBF hat an der Großen Blies bereits erste Spielgeräte für einen barrierefreien Spielplatz aufgestellt. Wie geht es da weiter?

Der Spielplatz ist momentan noch nicht attraktiv genug für Kinder im Rolli. Das Problem ist, dass die Gerätehersteller kaum Angebote für entsprechende Spielgeräte haben. Wir sind momentan dabei, selbst Spielsituationen zu entwickeln und Zeichnungen von den zu entwickelnden Geräten zu machen. Wir hoffen, dass die Bevölkerung uns bei der Finanzierung unterstützt.

Seit 2004 veranstaltet die IBF ein „Sport im Rolli“-Fest für Schüler. Wie reagieren die Schüler darauf?

Mittlerweile nehmen 16 Schulen daran teil, einige sogar regelmäßig. Es geht uns darum, die Jugendlichen für die Schwierigkeiten und Bedürfnisse von Menschen mit Einschränkungen zu sensibilisieren. Zudem möchten wir mit dem Staffellauf und dem Basketballspiel zeigen, dass man sich durchaus geschickt im Rollstuhl fortbewegen kann. Das Basketballspiel ist übrigens immer der Höhepunkt und kommt gut an.

Wie sind Sie eigentlich zum Gründungsmitglied der IBF geworden?

Der Motor für die IBF war Kurt Schroth, ein Kollege von mir bei der Stadtverwaltung. Er hatte Muskelschwäche, saß im Rollstuhl, wollte Kontakte zu anderen Leuten im Rollstuhl aufbauen und hat nach Möglichkeiten gesucht, zusammen etwas zu machen. Sein zentraler Gedanke war: Ich möchte Urlaub machen ohne weiße Kittel. Das hat ihn getrieben. Wir haben auch direkt 1972 die erste Freizeit gemacht. Ich bin eher passiv dabei gewesen und dann da reingewachsen.

Was treibt Sie persönlich an?

Es ist die Verbundenheit mit einzelnen Personen. Über die Freizeiten und die intensive Betreuung haben sich Freundschaften, zum Teil sehr intensive Freundschaften entwickelt. Anfangs war es schwierig, auf die Befindlichkeiten der Leute einzugehen. Man hat eine vermeintliche physische Überlegenheit, die gilt es zu reduzieren und die Menschen anzuerkennen und zu akzeptieren. Notwendig war die Bereitschaft das zu erkennen und erkennen zu wollen.